Entwicklungsbereich „Grundlagen Europas in Antike und Mittelalter“

Träger und Strukturen

In der Philosophischen Fakultät gibt es mit dem Institut für Altertumswissenschaften, dem Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients, dem Lehrstuhl für Indogermanistik, dem Bereich Ur- und Frühgeschichte, dem Historischen Institut, den Instituten für Germanistische Literaturwissenschaft (Ältere deutsche Literatur), für Germanistische Sprachwissenschaft (Historische Sprachwissenschaft), für Philosophie (Bereich Antike und Mittelalter), für Anglistik/Amerikanistik (Mediävistik), für Musikwissenschaft und dem Kunsthistorischen Seminar (Kunstgeschichte des Mittelalters) einen deutlich sichtbaren Schwerpunkt in der Erforschung von Antike und Mittelalter. Die Mitglieder des Schwerpunkts haben über Fächer-, Instituts- und Fakultätsgrenzen hinweg in verschiedenen Verbund- und Langzeitprojekten der DFG und in Akademieprojekten (München, Leipzig, Göttingen, Düsseldorf) erfolgreich zusammengearbeitet und in Kooperation mit anderen Fakultäten Drittmittel im mehrstelligen Millionenbereich eingeworben. Daraus ist mit Unterstützung der Philosophischen Fakultät und des Präsidiums der universitäre Querschnittsbereich/Entwicklungsbereich ,Grundlagen Europas' entstanden. Diesem Kreis, der von dem Professor der Mittelalterlichen Geschichte Achim Hack geleitet wird, gehören zahlreiche Vertreter besonders aus der Philosophischen und Theologischen Fakultät, aber auch aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, der Rechtswissenschaft, der Biologie und Medizin an.


Historische Voraussetzungen, Fragehorizonte, Erkenntnisinteressen

Wenn Europa mehr sein sollte als die Summe seiner politischen und ökonomischen Interessen, dann stellt sich die Frage nach seinem Werden und dem Gewordensein der europäischen Gegenwart. Eine im Rahmen des Entwicklungsbereichs gegebene Antwort auf diese Frage ist, dass die Zeit von 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. für die intellektuelle und soziale Entwicklung Europas von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. Hegel sprach deswegen von der "Achse der Weltgeschichte", und Karl Jaspers erklärte, dass in dieser "Achsenzeit" der Mensch entstand, mit dem wir bis heute leben. Zwischen 800 v. Chr. und 600 n. Chr. kam es zu enormen Veränderungen in der Geistes- und Religionsgeschichte, aber auch in der politischen Geschichte und der materiellen Kultur. Dazu gehören das Hervortreten von Intellektuellen und die Transformation von Eliten, die Institutionalisierung der transzendentalen Vision und der Neuordnung der Welt, die Legitimation sozialer Zentren, Traditionen und politischer Autorität, der Aufbau und die Ausgestaltung politischer Ordnungen (von der athenischen Demokratie bis zum Freiheitsdenken der römischen Republik) und gesellschaftlicher Hierarchien, das Anwachsen der Reflexivität, die Entwicklung der Philosophie, der Wissenschaften und des Rechts sowie der lebendige Austausch der Sprachen (in Form gelebter und literarisch gestalteter Mehrsprachigkeit) und Kulturen in der multikulturellen Welt des Imperium Romanum. 

Der Entwicklungsbereich "Grundlagen Europas" hat das Ziel, ausgewählte Phänomene dieser "Achsenzeit", die in vielen Kulturen vom Mittelmeerraum über Persien und Indien bis nach China auftraten, in einer ,Archäologie des Wissens' zu untersuchen und die damit aufgeworfenen Transfer- und Transformationsprobleme in der longue durée von der Antike über die als Bindeglieder wichtige Spätantike und das Frühmittelalter sowie das Hochmittelalter mit seiner Ausstrahlung auf den Renaissancehumanismus und die Reformation in ihren Auswirkungen auf das gegenwärtige Europa zu studieren.


Forschungsprojekte, Studienangebote, Strukturbildung

In der Forschung gibt es in der Tradition des

eine Reihe von Verbund- und Langzeitprojekten der DFG und anderer Fördereinrichtungen. Es sind u. a.:


Diese Kooperationen der altertumswissenschaftlichen und mediävistischen Disziplinen der Philosophischen Fakultät und anderer Fakultäten sollen in Einzel- und Verbundprojekten wie einem zur ,Mehrsprachigkeit'* (Achim Hack), auch unter Kooperation mit der Sprachwissenschaft, weiter ausgebaut und durch bereits bestehende Verknüpfung u. a. mit verschiedenen Akademievorhaben (Düsseldorf, München [MGH, CVA], Leipzig [EWA, DWEE], Göttingen [KOHD]) und im Aufbau befindliche Kooperationen mit anderen Akademien (Erfurt [EUWB]) national und international vernetzt werden. 

Der Entwicklungsbereich wirkt in der Lehre profilbildend, insofern sich neben den traditionellen Studienangeboten interdisziplinäre Studiengänge zwischen einzelnen Fächergruppen innerhalb der Philosophischen Fakultät (z. B. BA Altertumswissenschaften, MA Geschichte der Antike) und über die Fakultätsgrenzen hinweg (z. B. MA Mittelalterstudien,  MA Bildung-Kultur-Anthropologie) gebildet haben. Diese Studienangebote sollen mit europäischen Kooperationspartnern gestärkt und, z.B. in den Altertumswissenschaften, in Richtung kooperativer Studienangebote entwickelt werden. Der Entwicklungsbereich dient in Kooperation mit der Graduiertenakademie der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und bietet deswegen in den Altertumswissenschaften und der Mediävistik regelmäßig Ringvorlesungen und Doktorandenkolloquien an.

Aus dem Entwicklungsbereich sind eine Reihe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hervorgegangen, die vielerorts Assistenturen und Mitarbeiterstellen, aber inzwischen auch Lehrstühle und Professuren an deutschen und europäischen Universitäten bekleiden. Dazu gehören u. a.: Prof. Dr. Jan Bemmann, Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte, Bonn; Prof. Dr. Enno Bünz, Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte, Leipzig; Prof. Dr. Christoph Fasbender, Lehrstuhl für Altgermanistik, Chemnitz; Prof. Dr. Peter Gemeinhardt, Lehrstuhl für Kirchengeschichte, Göttingen; Prof. Dr. Stephan Freund, Lehrstuhl für mittlere Geschichte, Magdeburg; Prof. Dr. Stefan Heidemann, Lehrstuhl für Islamwissenschaft, Hamburg; Prof. Dr. Sabine Hübner, Professur für Alte Geschichte, New York; Prof. Dr. Markus Hilgert, Lehrstuhl für Altorientalistik, Berlin; Prof. Dr. Kai Lämmerhirt, Professor für Assyriologie, Heidelberg; Prof. Dr. Matthias Perkams, Professor für Antike und Mittelalterliche Philosophie, Jena; Prof. Dr. Rosa Maria Piccione, Profess. associata für Byzantinistik, Turin; Prof. Dr. Enno Edzard Popkes, Lehrstuhl für Neues Testament, Kiel; Prof. Dr. Umberto Roberto, Professur für Römische Geschichte, Rom; Prof. Dr. Winfried Rudolf, Professur für Englische Sprache und Literatur des Mittelalters, Göttingen; Prof. Dr. Andreas Schäfer, Professur für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, Bamberg; Prof. Dr. Günther Schörner, Lehrstuhl für Klassische Archäologie, Wien; Prof. Dr. Christoph Schubert, Professor für Latinistik, Wuppertal; Prof. Dr. Claudia Sode, Lehrstuhl für Byzantinistik, Köln; Prof. Dr. Stefan Tebruck, Lehrstuhl für mittlere Geschichte, Gießen; Prof. Dr. Christian Tornau, Lehrstuhl für Latinistik, Würzburg; Prof. Dr. Klaus Zimmermann, Professur für Alte Geschichte, Münster.

Zur internationalen Strahlkraft des Entwicklungsbereichs tragen auch die weltweit bekannten Sammlungen und Handschriften der FSU bei (wie Hilprecht-Sammlung, Orientalisches Münzkabinett, Akademisches Münzkabinett, Antikensammlung, Papyrussammlung, Sammmlung der Ur- und Frühgeschichte, Jenaer Liederhandschrift usw.), aber auch eigene Reihen wie z. B. die Tria Corda bei Mohr Siebeck, das Altertumswissenschaftliche Kolloquium im Franz-Steiner-Verlag oder das Lutherjahrbuch. Die Verbindung von Antike und Mittelalter ist nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Rahmen einzigartig und erleichtert den Aufbau von Kooperations- und Austauschbeziehungen. Diese bestehen mit Universitäten u. a. in Italien (Siena*, Urbino*, Rom*, Catania*), England (St. Andrews*, Oxford, Durham*), Belgien (Löwen*), Niederlande (Leyden*), Litauen (Vilnius*), Georgien (Tbilisi) und Ungarn (Szeged*) und sollen u. a. nach Frankreich, Spanien und zu den orthodoxen Theologischen Fakultäten in Osteuropa im Rahmen des Eastern European Liaison Committee der Studiorum Novi Testamenti Societas ausgebaut werden. Mit seinem Schwerpunkt auf Europa und seinen vorgängigen Kulturen besitzt der Entwicklungsbereich nicht nur eine hohe Affinität zu den Südosteuropastudien, sondern vermag, insofern Athen die Wiege der Demokratie und Rom die Geburtsstätte des Republikanismus waren, durch unmittelbaren Bezug zur Freiheit auch zu der gesamtuniversitären Profillinie (libertas, liberty)* beizutragen.